Die Grundlagen des Sozialschutzssystems in Finnland
Die drei Säulen des finnischen Sozialschutzssystems sind die präventive Sozial- und
Gesundheitspolitik, die Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich und die
Sozialversicherung. Die Kernelemente des Systems sind die soziale Grundsicherung und die
verdienstabhängigen Sozialleistungen zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards. Die
Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich spielen ebenfalls eine wesentliche
Rolle.
Der finnische Sozialschutz ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung. Dafür
typisch ist die Universalität der Leistungen, die hauptsächlich mit Steuermitteln
finanziert werden. Wie in anderen nordischen Ländern ist der Sozialschutz generell
wohnortabhängig.
Der Sozialschutz garantiert die Stabilität der Gesellschaft, die Gleichbehandlung und
die Gleichberechtigung von Staatsbürgern. Fast alle Haushalte bekommen im Laufe des
Jahres Sozialtransfers oder nehmen die Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich
in Anspruch. Während der Rezession der neunziger Jahre, als viele Bürger arbeitslos
waren, hat der Schutz des sozialen Netzes an Bedeutung gewonnen.
Das Sozialtransfersystem hat die Einkommensunterschiede effektiv angeglichen. Gemessen
an den verfügbaren persönlichen Einkommen ist Finnland ein Land mit sehr gerechter
Einkommensverteilung. Die Armutsrate in Finnland ist eine der niedrigsten in den
OECD-Ländern.
Das finnische Sozialschutzssystem basiert auf dem Prinzip der Gleichberechtigung. Der
intensive Aufbau der Kleinkinderbetreuung ermöglicht es, daß viele Frauen berufstätig
sein können. In Finnland sind zirka 70% der Mütter von Kleinkindern berufstätig. Alle
nicht schulpflichtigen Kinder haben das Recht auf kommunale Kinderbetreuung bzw. die
Familien können eine finanzielle Unterstützung für private Betreuung bekommen.
Der Anteil der Sozialausgaben am Bruttoinlandsprodukt hat sich am Beginn der neunziger
Jahre in Finnland wesentlich erhöht. Aufgrund des Wirtschaftswachstums, der
Sparmaßnahmen und der steigenden Beschäftigung ist die Höhe der Sozialausgaben wieder
ungefähr auf den EU-Durchschnitt gesunken. 1998 war der Anteil der Sozialausgaben am
Bruttoinlandsprodukt unter 30%. Hauptsächlich werden die Sozialausgaben vom Staat, von
den Gemeinden und von den Arbeitgebern finanziert. Der Finanzierungsanteil der
Versicherten selbst ist in Finnland deutlich geringer als im EU-Durchschnitt, und daher
ist der Anteil des Staates und der Gemeinden höher.
Die präventiven Maßnahmen bilden einen wichtigen Teil des finnischen Sozialschutzes,
um die diversen Risken und Probleme zu verhindern bzw. zu reduzieren. Damit kann die
Inanspruchnahme der teureren Dienstleistungen und Unterstützungsformen minimiert werden.
Die Bürger werden dazu angehalten, gesund zu leben und den Genuß von Zigaretten und
Alkohol zu reduzieren. Die Hauptbereiche der präventiven Maßnahmen sind die
Umwelthygiene, die effektive öffentliche Gesundheitsvorsorge, die Arbeitsmedizin, der
Mutterschutz und die präventiven Maßnahmen gegen soziale Ausgrenzung.
Die Organisation von Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich ist eine
gemeinsame Aufgabe des Staates und der Gemeinden. Die Gemeinden sind entweder selbst oder
zusammen mit anderen Gemeinden verantwortlich für die Organisation der Dienstleistungen.
Die typisch finnische Gemeinde hat weniger als 10 000 Einwohner. Die
Finanzierungsverantwortung der Dienstleistungen ist zwischen dem Staat und der Gemeinde
geteilt. Die Gemeinden haben das Recht Steuern einzuheben. Die Gebühren, die bei
Inanspruchnahme von Dienstleistungen eingehoben werden, sind relativ niedrig. Der Staat
bezahlt den Gemeinden einen Beitrag. Die wichtigsten Bereiche des Servicesektors sind
Gesundheitsvorsorge, Spezialkrankenpflege, Kinderbetreuung, Altenbetreuung,
Behindertenunterstützung, Kinderfürsorge und die Sozialhilfe als letzte
Unterstützungsform. Grundsätzlich werden die öffentlichen Gesundheitsdienstleistungen
in Anspruch genommen und lediglich zirka 5% der Ärtze arbeiten ausschließlich im
privaten Sektor.
Einige Leistungen, z.B.Elternurlaub und Kinderbeihilfe sind universell. Die Höhe der
Kinderbeihilfe hängt von der Zahl der im Haushalt lebenden Kinder ab. Die Kinderbeihilfe
wird bis zum 18. Lebensjahr des Kindes ohne Steuerbelastung ausbezahlt. Alle finnischen
Eltern haben das Recht auf Elternurlaub. In Finnland wohnende Väter haben Anspruch auf
das Vaterschaftsgeld, das für 6-18 Arbeitstage ausbezahlt wird. Bei der Geburt des Kindes
erhalten die Familien zusätzlich ein Mutterschaftspaket, das Kleidung und Babyutensilien
enthält. Die Eltern der unter 7-jährigen Kinder können zwischen der Betreuung in einer
Kindertagestätte oder der Betreuung zu Hause wählen.
Der Hauptanteil des Sozialschutzes basiert auf einer allgemeinen gesetzlichen
Versicherung. Das sind die Rentenversicherung, die Unfallversicherung und die
Arbeitslosenversicherung. Die Haftpflichtversicherung ist obligatorisch in Finnland. Die
Renten und die Arbeitslosenunterstützung bestehen aus einem Grundteil und einem
verdienstabhängigen Teil. Es gibt zwei sich ergänzende Rentensysteme in Finnland: die
Erwerbsrente, die an die letzte Erwerbstätigkeit anknüpft, und die vom finnischen
Wohnsitz abhängige Volksrente. Die beiden Systeme enthalten mehrere Leistungen für
spezielle Umstände. Die finnische Arbeitslosenunterstützung besteht aus zahlreichen
unterschiedlichen Leistungsarten.
Das Krankengeld stellt eine Kompensation für das ausgefallene Einkommen wegen
vorübergehender Erwerbsunfähigkeit dar, dessen Höhe nach dem Einkommen der Arbeitnehmer
berechnet wird. Eine langfristige Krankheit oder Erwerbsunfähigkeit kann das tägliche
Leben auf viele Arten beeinflussen. Rehabilitation kann helfen, um diese Effekte zu
verhindern und zu erleichtern. Die Rehabilitationsleistungen verbessern die Möglichkeiten
der benachteiligten Personen ihr tägliches Leben ungeachtet ihrer Beeinträchtigungen zu
meistern.
Obwohl das System verpflichtend und gesetzlich ist, ist ein besonderes Merkmal der
finnischen Sozialversicherung, daß die Verwaltung eines beträchtlichen Teiles durch
private Versicherungsanstalten erfolgt.
Die Umfragen haben ergeben, daß das finnische Sozialschutzssystem eine breite
Unterstützung der Bürger hat. Die Herausforderungen des Sozialschutzes in der nahen
Zukunft liegen in der sinkenden Erwerbsquote, der demographischen Entwicklung, der Anzahl
der Langzeitarbeitslosen, der sozialen Ausgrenzung und in der Sicherung der nachhaltigen
Finanzierung. Aufgrund konstruktiver Reformen (insbesondere der Rentensysteme), der
Sparkurses der Regierung und der steigenden Beschäftigungsrate, ist die Finanzierung des
Systems jetzt dauerhafter gesichert als in der wirtschaftlich schwierigen Zeit am Beginn
der neunziger Jahre. Die Finanzierung des Rentenschutzes geburtenstarker Jahrgänge
verlangt ein gleichmäßiges Wachstum der Volkswirtschaft und eine niedrigere
Arbeitslosenrate.