Sozial- und Gesundheitsministerium

20.05.1999


Die Grundlagen des Sozialschutzssystems in Finnland

Die drei Säulen des finnischen Sozialschutzssystems sind die präventive Sozial- und Gesundheitspolitik, die Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich und die Sozialversicherung. Die Kernelemente des Systems sind die soziale Grundsicherung und die verdienstabhängigen Sozialleistungen zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards. Die Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich spielen ebenfalls eine wesentliche Rolle.

Der finnische Sozialschutz ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung. Dafür typisch ist die Universalität der Leistungen, die hauptsächlich mit Steuermitteln finanziert werden. Wie in anderen nordischen Ländern ist der Sozialschutz generell wohnortabhängig.

Der Sozialschutz garantiert die Stabilität der Gesellschaft, die Gleichbehandlung und die Gleichberechtigung von Staatsbürgern. Fast alle Haushalte bekommen im Laufe des Jahres Sozialtransfers oder nehmen die Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich in Anspruch. Während der Rezession der neunziger Jahre, als viele Bürger arbeitslos waren, hat der Schutz des sozialen Netzes an Bedeutung gewonnen.

Das Sozialtransfersystem hat die Einkommensunterschiede effektiv angeglichen. Gemessen an den verfügbaren persönlichen Einkommen ist Finnland ein Land mit sehr gerechter Einkommensverteilung. Die Armutsrate in Finnland ist eine der niedrigsten in den OECD-Ländern.

 

Das finnische Sozialschutzssystem basiert auf dem Prinzip der Gleichberechtigung. Der intensive Aufbau der Kleinkinderbetreuung ermöglicht es, daß viele Frauen berufstätig sein können. In Finnland sind zirka 70% der Mütter von Kleinkindern berufstätig. Alle nicht schulpflichtigen Kinder haben das Recht auf kommunale Kinderbetreuung bzw. die Familien können eine finanzielle Unterstützung für private Betreuung bekommen.

Der Anteil der Sozialausgaben am Bruttoinlandsprodukt hat sich am Beginn der neunziger Jahre in Finnland wesentlich erhöht. Aufgrund des Wirtschaftswachstums, der Sparmaßnahmen und der steigenden Beschäftigung ist die Höhe der Sozialausgaben wieder ungefähr auf den EU-Durchschnitt gesunken. 1998 war der Anteil der Sozialausgaben am Bruttoinlandsprodukt unter 30%. Hauptsächlich werden die Sozialausgaben vom Staat, von den Gemeinden und von den Arbeitgebern finanziert. Der Finanzierungsanteil der Versicherten selbst ist in Finnland deutlich geringer als im EU-Durchschnitt, und daher ist der Anteil des Staates und der Gemeinden höher.

Die präventiven Maßnahmen bilden einen wichtigen Teil des finnischen Sozialschutzes, um die diversen Risken und Probleme zu verhindern bzw. zu reduzieren. Damit kann die Inanspruchnahme der teureren Dienstleistungen und Unterstützungsformen minimiert werden. Die Bürger werden dazu angehalten, gesund zu leben und den Genuß von Zigaretten und Alkohol zu reduzieren. Die Hauptbereiche der präventiven Maßnahmen sind die Umwelthygiene, die effektive öffentliche Gesundheitsvorsorge, die Arbeitsmedizin, der Mutterschutz und die präventiven Maßnahmen gegen soziale Ausgrenzung.

Die Organisation von Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitsbereich ist eine gemeinsame Aufgabe des Staates und der Gemeinden. Die Gemeinden sind entweder selbst oder zusammen mit anderen Gemeinden verantwortlich für die Organisation der Dienstleistungen. Die typisch finnische Gemeinde hat weniger als 10 000 Einwohner. Die Finanzierungsverantwortung der Dienstleistungen ist zwischen dem Staat und der Gemeinde geteilt. Die Gemeinden haben das Recht Steuern einzuheben. Die Gebühren, die bei Inanspruchnahme von Dienstleistungen eingehoben werden, sind relativ niedrig. Der Staat bezahlt den Gemeinden einen Beitrag. Die wichtigsten Bereiche des Servicesektors sind Gesundheitsvorsorge, Spezialkrankenpflege, Kinderbetreuung, Altenbetreuung, Behindertenunterstützung, Kinderfürsorge und die Sozialhilfe als letzte Unterstützungsform. Grundsätzlich werden die öffentlichen Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch genommen und lediglich zirka 5% der Ärtze arbeiten ausschließlich im privaten Sektor.

 

Einige Leistungen, z.B.Elternurlaub und Kinderbeihilfe sind universell. Die Höhe der Kinderbeihilfe hängt von der Zahl der im Haushalt lebenden Kinder ab. Die Kinderbeihilfe wird bis zum 18. Lebensjahr des Kindes ohne Steuerbelastung ausbezahlt. Alle finnischen Eltern haben das Recht auf Elternurlaub. In Finnland wohnende Väter haben Anspruch auf das Vaterschaftsgeld, das für 6-18 Arbeitstage ausbezahlt wird. Bei der Geburt des Kindes erhalten die Familien zusätzlich ein Mutterschaftspaket, das Kleidung und Babyutensilien enthält. Die Eltern der unter 7-jährigen Kinder können zwischen der Betreuung in einer Kindertagestätte oder der Betreuung zu Hause wählen.

Der Hauptanteil des Sozialschutzes basiert auf einer allgemeinen gesetzlichen Versicherung. Das sind die Rentenversicherung, die Unfallversicherung und die Arbeitslosenversicherung. Die Haftpflichtversicherung ist obligatorisch in Finnland. Die Renten und die Arbeitslosenunterstützung bestehen aus einem Grundteil und einem verdienstabhängigen Teil. Es gibt zwei sich ergänzende Rentensysteme in Finnland: die Erwerbsrente, die an die letzte Erwerbstätigkeit anknüpft, und die vom finnischen Wohnsitz abhängige Volksrente. Die beiden Systeme enthalten mehrere Leistungen für spezielle Umstände. Die finnische Arbeitslosenunterstützung besteht aus zahlreichen unterschiedlichen Leistungsarten.

Das Krankengeld stellt eine Kompensation für das ausgefallene Einkommen wegen vorübergehender Erwerbsunfähigkeit dar, dessen Höhe nach dem Einkommen der Arbeitnehmer berechnet wird. Eine langfristige Krankheit oder Erwerbsunfähigkeit kann das tägliche Leben auf viele Arten beeinflussen. Rehabilitation kann helfen, um diese Effekte zu verhindern und zu erleichtern. Die Rehabilitationsleistungen verbessern die Möglichkeiten der benachteiligten Personen ihr tägliches Leben ungeachtet ihrer Beeinträchtigungen zu meistern.

Obwohl das System verpflichtend und gesetzlich ist, ist ein besonderes Merkmal der finnischen Sozialversicherung, daß die Verwaltung eines beträchtlichen Teiles durch private Versicherungsanstalten erfolgt.

Die Umfragen haben ergeben, daß das finnische Sozialschutzssystem eine breite Unterstützung der Bürger hat. Die Herausforderungen des Sozialschutzes in der nahen Zukunft liegen in der sinkenden Erwerbsquote, der demographischen Entwicklung, der Anzahl der Langzeitarbeitslosen, der sozialen Ausgrenzung und in der Sicherung der nachhaltigen Finanzierung. Aufgrund konstruktiver Reformen (insbesondere der Rentensysteme), der Sparkurses der Regierung und der steigenden Beschäftigungsrate, ist die Finanzierung des Systems jetzt dauerhafter gesichert als in der wirtschaftlich schwierigen Zeit am Beginn der neunziger Jahre. Die Finanzierung des Rentenschutzes geburtenstarker Jahrgänge verlangt ein gleichmäßiges Wachstum der Volkswirtschaft und eine niedrigere Arbeitslosenrate.